„Er war da, wo die Erde und der Himmel, wo Regen und Wind, wo Sonne und Wolken noch zu den Menschen sprechen – wenn man zuhört und sich müht, sie zu verstehen. Dazu muss man ganz still sein. Manchmal muss man dem Regen sein Gesicht hinhalten, damit er es wäscht, und dem Wind, damit er es trocknet. Und dem Himmel muss man seine Augen schenken, damit er sich in ihnen spiegeln kann, und den Wolken die Trauer des Herzens, wenn sich die Stunde des Abschieds naht. Es kann sein, dass dieses Land auch zu dir spricht mit seinen Farben und seinem Licht, mit seinen Regenbögen und Sonnenuntergängen, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen.“
So heißt es im irischen Märchen „Das Geheimnis der grünen Insel“. Nichts kann besser beschreiben, wie Irland auf die Mitglieder der Reisegruppe wirkte, die Anfang September den Norden Irlands besuchte. Gleich am Anfang ein Höhepunkt: die Hauptstadt Dublin mit der imposanten St. Patricks-Kathedrale, vielen Pubs und pulsierendem Leben. Berührend ist das Denkmal für Molly Malone, eine schöne Dubliner Fischhändlerin, die in jungen Jahren an nicht näher bestimmtem Fieber stirbt. Die Ballade um diese Frau offenbart Grundzüge des irischen Charakters: ein Herz für die kleinen Leute, melancholischer Humor und Lebensfreude.
Dies wird in den folgenden Tagen immer wieder deutlich. Tagsüber eine wilde Berg- und Seenlandschaft, zu erleben im Connemara-Nationalpark oder auf der Insel Achill Island, auf der Fahrt auf dem Wild Atlantiv Way, am „Ende der Welt“ bei den Slieve League Cliffs und nicht zuletzt dem imposanten Giant’s Causeway – hier finden sich 40.000 Basaltsäulen aus erstarrtem vulkanischen Gestein. Abends dann das Erleben von Geselligkeit und entspannter Lebensweise in einem der vielen Pubs, die immer gut besucht sind. Oft wird Live-Musik gespielt. In vielen Balladen spiegeln sich Ereignisse und Erfahrungen der irischen Geschichte, häufig mythologisch gefärbt.
Die Iren haben in ihrer Geschichte viele Katastrophen erlebt, die auch das gegenwärtige Denken bestimmen. So die große Hungersnot um 1850, der tausende Menschen zum Opfer fielen und viele Menschen veranlasste auszuwandern. Ein bedrückendes Zeugnis dafür ist das verlassene Dorf („Deserted Village“). Heinrich Böll, ein großer Freund Irlands, hat es das Skelett einer menschlichen Siedlung genannt. Dass die englische Regierung nicht half, ja die Iren in den folgenden Jahrzehnten durch verschiedene Maßnahmen, wie das Verbot der gälischen Sprache, weiter unterdrückte, ist ein entscheidender Grund für die Spannungen, die bis heute bestehen. Erst seit 1949 ist die irische Republik selbständig, aber immer noch ohne den Norden, der sich in einer Abstimmung mehrheitlich für den Verbleib bei Großbritannien aussprach.
Dass diese (auch blutige) Geschichte nicht vergessen ist, zeigt sich auch in Belfast, eine blühende Stadt, in der jedoch viele Symbole von der politischen Einstellung der Bewohner zeugen. Es gibt sogar Tore, die die Wohnviertel voneinander trennen und noch immer um 22.00 Uhr geschlossen werden. Insofern ist der Weg zu einem dauerhaften Frieden noch weit.
„Grün, wild und unvergesslich“ – so lautete das Motto der Reise. Unvergesslich wird die Reise bleiben, vor allem dank der kundigen, humorvollen und spannenden Reiseleitung durch Myrna. Und dass alle heil nach Hause kamen, ist nicht zuletzt dem Busfahrer Andreas zu verdanken, der auch in schwierigen Situationen nicht die Ruhe verlor.
Text: Günter Kannen
Foto: Elisabeth Schlömer

